Wo das (Sprach)Salz zum (Wort)Zucker wird
Kunst & Kultur
Dienstag, den 13. September 2011 um 06:32 Uhr
Mit rund 3200 Besuchern gingen am späten Sonntagnachmittag die 9. Literaturtage Sprachsalz in Hall in Tirol einmal mehr erfolgreich zu Ende. An diesem Literaturort, „wo das Salz zum Zucker wird“, so Moderator und Autor Christoph Simon, wurde an drei dicht wie hochkarätig besetzten Lesungstagen eine Vielfalt an literarischen Weltentwürfen und Darbietungsformen geboten. Dem entsprach das Programm am Freitag, an dem u.a. die Lyriker Zsuzsanna Gahse, Christian Steinbacher und Urs Allemann zeigten, wie auf der Bühne neue Lesearten von Literatur entstehen können. Irene Prugger erzählte über die Möglich- und Unmöglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen und Angelika Reitzer stellte Figuren ihres Romans „unter uns“ vor. Katrin de Vries entführte in ihre bildreichen wie eigenwilligen Erzählwelten und Michail Schischkin und Taras Prochasko boten ein eindrucksvolles Panorama Russlands und der Ukraine im 20. Jahrhundert.

Im Freien lesen
Viele der Lesungen fanden in diesem Jahr vor dem eindrucksvollen Haller Bergpanorama auf der Terrasse des Parkhotels statt. „Ich habe selten in so entspannter Atmosphäre gelesen, Gast sein dürfen und hervorragenden Autorenkollegen beim Lesen zuhören können, wie auf der Terrasse bei Sprachsalz. Sprachsalz heißt ‚Im Freien lesen’,“ so Monica Cantieni nach ihrer Veranstaltung.

Einen Höhepunkt bildete die erfolgreiche Kooperations-Veranstaltung am Freitagabend, zu der Sprachsalz gemeinsam mit den Klangspuren geladen hatte: Das renommierte Ensemble Modern brachte im Kurhaus George Benjamins „Into the Hill“ zur Aufführung, im Anschluss sprach Martin Sailer (ORF) mit dem Librettisten Martin Crimp und dem Komponisten Benjamin über deren musikalisch-literarische Zusammenarbeit. Zeitgleich gab Norbert Gstrein dem Publikum im übervollen Lesungssaal Einblicke in seine Werke der letzten zehn Jahre. Im Anschluss hieß es „Carl Weissner rocks“ mit Songtexten von Dylan, Zappa und den Rolling Stones.

Sprachsalz sings!
Den Samstag eröffneten u.a. der US-amerikanische Lyriker Gerald Stern gemeinsam mit seiner Sprachsalz-Patenschaft Anne Marie Macari, die aufzeigten, was Poesie vermag: „That’s the secret of poetry, you look and you see other things.“ Ebenfalls am Samstag las die Beat-Autorin Maketa Groves, die sich über ihren Auftritt an diesem besonderen Ort freute: „Ringed by mountains, Sprachsalz sings!“

„Der Samstagabend hat einmal mehr bestätigt, wie die Mannigfaltigkeit der Literatur in verschiedensten Formen und Stimmen das Publikum zu bannen vermag. Das bewiesen Maketa Groves, Urs Allemann, Gerald Stern und das Duo Ohne Rolf gleichermaßen. Das Duo tauschte mit seiner Plakat-Aktion das Rollenspiel, so dass nun die Menge las, nicht die Autoren. Und was sie lasen, auf diesen weißen Blättern, ließ sie lachen und klatschen“, so Urs Heinz Aerni, der gemeinsam mit Magdalena Kauz, Heinz D. Heisl und Elias Schneitter für das Programm verantwortlich zeichnete.

Bedürfnis nach Gegenwelten
Auch in diesem Jahr gab es nicht nur zwischen den Lesungen die Möglichkeit zum Gespräch über Literatur: Beim Sprachsalz-Club „Schreiben oder Leben – wie die Welt ins Buch kommt“ sprach Stefan Gmünder (Der Standard) mit den Autoren Norbert Gstrein, Michail Schischkin und dem Literaturwissenschafter Werner Morlang über Realität und Fiktion in Schreiben und Lesen. Für Schischkin bedingen Schreiben und Leben einander und schließen sich nicht aus. Gstrein: „Das Bedürfnis nach Gegenwelten, Gegengeschichten, nach Literatur entspringt bei Autor und Leser der Auflehnung gegen die Wirklichkeit und der Endlichkeit des Lebens.“

Zur Matinee wurde am Sonntag in den Medienturm Ablinger.Garber geladen, wo Barbara Renno (Saarländischer Rundfunk) mit den Schriftstellern Monica Cantieni, Alban Nikolai Herbst und Katrin de Vries ein Gespräch über „Literatur heute – zwischen Tradition und Tamtam“ führte. Alle waren sich einig, dass die sogenannte „Wasserglas-Lesung“ nach wie vor funktioniert, wenn wie bei Sprachsalz das Ambiente stimme. Festivals wie dieses seien ein gesellschaftliches Ereignis, an dem Autoren wie Leser gleichermaßen teilnehmen und sich auf Augenhöhe begegnen. Gerade im digitalen Zeitalter sei diese Form des persönlichen Kontakts besonders wichtig.

Gesichtet wurden Georg Klein und Alban Nikolai Herbst im Vorfeld im Publikum, mit ihren Texten waren sie bei den traditionellen Überraschungslesungen zu erleben, die jeweils von Autoren der vergangenen Festivals bestritten werden.

Die 10. Literaturtage Sprachsalz finden vom 14.–16. September 2012 statt.


SPRACHSALZ-AUTORINNEN und -AUTOREN 2011:
Urs Allemann (Schweiz) – Monica Cantieni (Schweiz) – Martin Crimp (Großbritannien)  – Zsuzsanna Gahse (Schweiz/Ungarn) – Maketa Groves (USA) – Norbert Gstrein (Österreich) – Anne Marie Macari (USA, Patenschaft von Gerald Stern) – Werner Morlang (Schweiz) – OHNE ROLF (Schweiz) – Taras Prochasko (Ukraine) – Irene Prugger (Österreich) – Angelika Reitzer (Österreich) – Mikhail Shishkin (Russland) – Christian Steinbacher (Österreich) – Gerald Stern (USA) –  Katrin de Vries (Deutschland) – Carl Weissner (Deutschland)

http://www.sprachsalz.com
Lesungen zum Nachhören im WEBLOG: sprachsalz.twoday.net
 
 

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