Eklatante Unterversorgung als Haupt-Todesursache
Hall in Tirol
Mittwoch, den 02. Juli 2014 um 08:24 Uhr
HP_Kepplinger_Perz_Dietrich-DaumKeine gezielte Euthanasie, wohl aber systematische Vernachlässigungen und Gewalt in den Stationen, so beurteilen die Forscher in ihrem Abschlussbericht die Vorgänge rund um den Anstaltsfriedhof des Psychiatrischen Krankenhauses Hall in den Kriegsjahren

 

Nach mehr als dreijähriger Forschungsarbeit übergab die Kommission zur Untersuchungen der Vorgänge um den Anstaltsfriedhof des Psychiatrischen Krankenhauses Hall in den Jahren 1942 bis 1945 am 24. Juni LH Platter ihren Schlussbericht. Die Kommission war 2011 eingesetzt worden, als bei Bauarbeiten ein aufgelassener Anstaltsfriedhof aus der Zeit 1942 bis 1945 mit Gräbern von 228 Personen entdeckt wurden. Zu klären galt, ob die damalige Heil- und Pflegeanstalt Hall in die so genannte dezentrale Euthanasie, also die systematische Tötung in den Anstalten selbst, verstrickt war. Das interdisziplinäre Forschungsteam stellte zunächst fest, dass der Grund für die Einrichtung des Anstaltsfriedhofes 1942 im verschärften Platzmangel auf dem städtischen Friedhof lag. Alle Indikatoren sprechen für einen regulären christlichen Friedhof. Die Todesursache der 228 bestatteten Personen seien vor allem in den – bewusst herbeigeführten – schlechten Bedingungen zu sehen, berichtet Kommission-Vorsitzender Bertrand Perz: „Mangelernährung, Kälte. Raumnot, schlechte medizinische und pflegerische Versorgung waren nur teilweise kriegsbedingt. Es ist offensichtlich, dass es sich um ideologisch bedingte, bewusste, angeordnete Vernachlässigungen handelt. Das zeigt sich unter anderem darin, dass arbeitsfähige Patienten mehr zum Essen erhielten.“

 

Gewalt und Vernachlässigung akzeptiert

 

Die gezielte Mangelversorgung sei von Ärzten und Personal akzeptiert worden, so Perz. „Es gibt keine Hinweise auf systematische Krankenmorde“, berichtet er weiter. „Die Ärzte waren offensichtlich nicht bereit, eine dezentrale Euthanasie mitzutragen und Patienten direkt in der Anstalt mit überdosierten Medikamenten zu töten. Vorstöße in diese Richtung gab es immer wieder aus der Gesundheitsverwaltung in der Reichsstattshalterei im Gau Tirol-Vorarlberg.  Allerdings sind einzelne Patiententötungen nicht auszuschließen.“

Die generelle Einstellung des Nationalsozialismus zu psychisch Kranken habe beim Personal sicherlich die Schwelle zur Anwendung von Gewalt als Möglichkeit der Lösung von alltäglichen Problemen in der Krankenpflege erheblich gesenkt, berichtet die Kommission weiter. Darauf weisen auch die festgestellten Knochenbrüchen hin, die allerdings meist nicht in den Krankenakten dokumentiert sind. „Es gab in der Zeit wenig Betreuung, aber eine viel zu hohe Belegung der Heil- und Pflegeanstalt Hall. 1944 etwa sind 700 Patienten registriert, es gab aber 60 Betten weniger. Sicherlich gab es einen hohen Anteil an Gewalt, auch unter den Patienten, aber auch durch die Pfleger“, weiß Christian Haring, der Leiter der heutigen Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie B in Hall. Den genauen Ablauf der Vorfälle werde man nie wirklich klären können, schließt Bertrand Perz ab: „Es muss vieles offen bleiben, da es nicht wissenschaftlich dokumentierbar ist.“

 

 
 

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