Forschungsprojekt nach Gräberfund beim alten Anstaltsfriedhofs der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Hall
Hall in Tirol
Montag, den 10. Januar 2011 um 10:24 Uhr
HP_Haus_Detail_2Bei Baugrabungen beim Psychiatrischen Krankenhaus in Hall stieß man auf bisher unbekannte Gräber.  Im Rahmen eines umfassenden Projektes wird die TILAK nun die Geschichte des alten Anstaltsfriedhofs der Psychiatrie des Landeskrankenhauses Hall aufarbeiten. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Verstorbenen, zumindest teilweise, Opfer der NS-Euthanasieprogramme sind.

In den vergangenen Jahren wurde die Geschichte des Psychiatrischen Krankenhauses Hall im Rahmen unterschiedlicher Projekte mehrfach thematisiert und erforscht. Immerwieder ging es dabei auch um die Zeit des Nationalsozialismus, von der die Psychiatrie in besonderem Maße betroffen war. So beschäftigte sich etwa der Künstler Franz Wassermann in seinem Projekt „Temporäres Denkmal“ mit den Opfern der NS-„Euthanasie“ aus der Psychiatrie in Hall. Der Historiker Mag. Oliver Seifert, Mitarbeiter im Interreg IV-Projekt „Psychiatrische Landschaften - Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol-Südtirol von 1830 bis zur Gegenwart“ an der Universität Innsbruck, forscht seit mehreren Jahren zur nationalsozialistischen Vergangenheit der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Hall.


Ein Zufallsfund

Im Verlauf seiner Forschungen stieß Mag. Seifert auf verschiedene Dokumente, darunter ein Gräberverzeichnis und ein Lageplan des fraglichen Friedhofs: „Dank der Dokumente konnten wir nun die ungefähre Lage des Friedhofs eruieren, sowie die Zahl der Gräber. Wir gehen derzeit von 220 Toten aus“, so Mag. Seifert. Das Gräberverzeichnis enthält außerdem verschiedene Informationen, die den Verdacht nahelegen, dass auf dem Friedhof auch Opfer der NS-Euthanasieprogramme bestattet wurden. Etwa zur gleichen Zeit startete die Planung eines Bauprojekts auf dem Areal der Psychiatrie. Bald wurde klar,
dass sich der Friedhof dort befinden dürfte, wo gebaut werden soll.


Historischer Hintergrund
Die NS-Euthanasie war eine systematisch geplante und vollzogene Tötung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Begonnen wurde 1939 bis 1945 mit der „Kindereuthanasie“, der Tötung „missgebildeter“ Neugeborener und Kleinkinder. 1940 begann die Tötung von PatientInnen der Heil- und Pflegeanstalten im Rahmen der „Aktion T4“. Von Transporten zu Tötungsanstalten waren auch in Hall zumindest 360 Personen

betroffen. Nach der Einstellung des offiziellen „Programmes“ im August 1941 erfolgten Tötungen in einzelnen Anstalten durch Vernachlässigung, Unterversorgung, Unterernährung sowie Überdosierung von Medikamenten. Diese Phase wird als „Wilde Euthanasie“ oder „Aktion Brandt“ bezeichnet. Die Frage, ob auch Hall davon betroffen war, soll im Projekt geklärt werden. „Möglicherweise wurde der Anstaltsfriedhof in Hall im Oktober 1942 angelegt, als
es zu diesem Zeitpunkt Planungen gab, in Hall selbst eine Euthanasiestation einzurichten. Für die letzten Kriegsjahre ist jedenfalls ein markanter Anstieg der Sterbefälle in der Haller Anstalt festzustellen“, erklärt des stellvertretende Ärztliche Direktor des LKH-Hall Univ.-Prof. Dr. Christian Haring.

Komplette Aufarbeitung


„Die TILAK sieht es als ihre moralische Verpflichtung und als ihre Verpflichtung den Angehörigen gegenüber, die Geschichte des Anstaltsfriedhofs restlos zu erforschen. Aus diesem Grund wurden im Schnellverfahren 400.000 Euro genehmigt, mit denen die Aufarbeitung finanziert wird“, stellt der Kaufmännische Direktor des LKH Hall Mag. DDr. Wolfgang Markl klar. Dazu zählt zunächst die archäologische Ausgrabung, die voraussichtlich im März 2011 starten und etwa drei Monate in Anspruch nehmen wird. Erst dann wird die Fläche für das Bauvorhaben freigegeben. Parallel dazu beginnen bereits erste historische Voruntersuchungen. Nach der Ausgrabung beginnt die Auswertung. Anthropologische Untersuchungen an der Ausgrabungsstelle und
anschließend im Labor sollen Aufschluss über individuelle Merkmale geben (Geschlecht, Sterbealter, Verletzungen…). Wichtig ist auch die Identifizierung der Verstorbenen anhand des vorliegenden Verzeichnisses. Im Zweifelsfall kann auch auf DNA-Untersuchungen zurückgegriffen werden. Das Projekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt.
Vor allem ist es der TILAK ein Anliegen, eventuelle Hinterbliebene zu benachrichtigen. Personen, die glauben, dass Angehörige auf dem Friedhof beerdigt wurden, können sich bei Mag. Oliver Seifert melden ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ). Jede Erinnerung kann helfen die Geschichte des Friedhofs zu erforschen.


Intensive Kooperationen

Die Ausgrabung wird von Dr. Alexander Zanesco von der Stadtarchäologie Hall in Kooperation mit der Kaufmännischen Direktion des Landeskrankenhauses Hall (Mag. DDr. Wolfgang Markl) geleitet. Als Historiker ist auf Seiten der Psychiatrie Mag. Oliver Seifert eingebunden. Ebenfalls eingebunden ist die Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München mit ihrem Konservator Dr. George McGlynn. „Die Einrichtung
besitzt große Erfahrung bei der Analyse von Knochen, mit deren Hilfe zum Beispiel der Ernährungszustand einer oder eines Verstorbenen eruiert werden kann. DNAUntersuchungen erfolgen bei Bedarf durch die Gerichtsmedizin in Innsbruck, vertreten durch den Leiter des Schwerpunktes ‚Forensische Molekularbiologie‘ Dr. Walther Parson“, so der Gesamtprojektleiter Dr. Zanesco.


Der historischen Verantwortung bewusst

Es ist der TILAK ein Anliegen die Geschichte des Anstaltsfriedhofs komplett aufzuarbeiten und die Ergebnisse auch der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Deshalb ist geplant, nach Abschluss des Projekts, die Erkenntnisse in Publikationen, im Rahmen einer Ausstellung etc. zu veröffentlichen.

HPPressekonferenz
Präsentierten das Forschungsprojekt: Mag. DDr. Wolfgang Markl (Kaufmännischer Direktor LKH Hall), Mag. Oliver Seifert (Historiker LKH Hall), Dr. Alexander Zanesco (Wissenschaftlicher Projektleiter, Stadtarchäologie Hall in Tirol), Univ.-Prof. Dr. Christian Haring (Stv. Ärztlicher Direktor LKH Hall)

 
 

Latest Events

Suchen & Finden